Alderik  Visser



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züchten oder wachsenlassen?

Wissenschaftlicher Sozialismus, Eugenik und pädagogischer Glauben um 1900

Beitrag im Rahmen des Seminars: Biologische Konzepte in der Pädagogik Universität Bern, SS 1996


I

Wenn wir sie beim Wort nehmen, so muss es ein schwieriges Kind gewesen sein: Draussen wenn immer möglich oder auch wenn keine Gelegenheit dazu war, wandernd durch das Berner Oberland, auf Bäume kletternd, ihre Kleider zerreissend… Die kleine Gertrud Woker war, wie sie es selber auszudrucken pflegte, ein ' Naturkind ', ein Mädchen, dass mit einem Überschuss an Energie beglückt, und daher unruhig, eben unfügsam war. (1) Wenn also jene ' traurigen Zeit ' da war, dass sie zur Schule gehen musste, lernte sie dort einsehen ' wie es den tieren in Gefangenschaft zu mut sein muss '. Das ' Unkraut ' ihrer Klasse, ertrug sie denn auch kaum dieses ' [] barbarische [n] Disziplinarsystem [] , das man [...] selbst bei uns, dem Lande Pestalozzi's, 'Pädagogik' genannt hat '. (2) Und wurde sie später trotzdem ein fleissiges Schulmädchen schwärmerischer Natur, wirklich 'normal' wurde die Gertrud Woker nie. So verweigerte die Tochter des Berner Professors für Kirchengeschichte sich mit vierzehn, in der von ihm mitbegründete christkatholische Gemeinde aufgenommen zu werden und setzte sie sich ein wenig später ernsthaften Versuchen erweiterter Mädchenbildung Erfolgreich zur Wehr. Beweise wollte sie haben, klare, unwiderlegbare Beweise nicht nur für die Fleischwerdung des Brotes aber auch für die Brotwerdung des Fleisches. Ab 1898 studierte Gertrud Woker (1878-1968) daher Chemie, Physik, Botanik, Mineralogie und Toxikologie; daher auch setzte sie sich ausführlich mit den Fragen der Frau in der Gesellschaft auseinander. (3)

Dass die kleine Strasse, die in Bern das Medizinhistorisches Institut über den Gemeinschaftshörsal der Universität schliesslich mit dem Pädagogischen Institut verbindet, dass diese Strasse ‘ Gertrud Wokerstrasse ' getauft wurde, könnte ja symbolisch gelesen werden. Zeitlebens grenzte Frau Woker sich dennoch derb von der Pädagogik ab:

[D] as Wort 'Pädagogik' hatte [] einen schlechten Klang für mich, selbst dann, als ich selber in dem Fall kam, zu unterrichten. (4)

Wenn aber Pädagogik im engeren Sinne, als der Technik des schulischen Unterrichtes für sie kein Thema war, so war Gertrud Woker -unverheiratet, kinderlos- trotzdem eine Erzieherin von Herzen, Sozialistin, Feministin, Aufklärerin im Geiste der Freiheit, der Gleichheit und der Geschwisterschaft. Und was hätten wir sonst davon zu halten, wenn wir dem gleichen Aufsatz, dem wir letzteres Zitat entnehmen, ein vehementes Plädoyer für eine 'kindgerechte' Erziehung entnehmen können, fast, so nicht ganz im Stil Ellen Keys?

Es kann sich ja bei der richtig verstandenen Erziehung nur um eine Entwicklung vorhandener Anlagen unter möglichst günstigen Entwicklungsbedingungen handeln. In das Kind etwas Fremdes hineinlegen wollen, z.B. ohne dessen eigene Synthese etwas vom Gedächtnissen des Lehrers oder des letzteren Vorstellungen über Welt und Menschen usw. ist nicht Erziehung sondern Dressur und ihr Resultat sind nicht Menschen, im besten Sinne des Wortes, sondern nach einem gewissen vorgeschriebenen Zuschnitt innerlich geformte Organismen mit bestimmten maschinellen Fähigkeiten, bei denen der Untertanenverstand die Rolle der Seele überwinnt. Es sind Wesen ohne Persönlichkeit und individuelles Gepräge, wie wir sie als Produkte der vom Geist der Reserveoffiziere und ähnlichen diktierten Schulschablonen zur genüge kennen. (5)

II.

Nach einem dreijährigen Aufenthalt in Berlin, wo unsere heimliche Reformpädagogin sich bis an die vorderste Front ihrer Spezialismus -die Biochemie- durchgekämpft hatte, kehrte Gertrud Woker 1908 nach Bern zurück. In Berlin hatte sie sich voll engagiert in der sogenannten links- oder radikal-bürgerlichen deutschen Frauenbewegung um Minna Cauer, Lida Gustava Heymann, Frieda Perlen und Anita Augspurg.(6) Back Home widmete sie ihre Zeit dem enttäuschenden Lehrauftrag für die Geschichte der Naturwissenschaften(7), führte privat ihre biochemischen Forschungen, auch aber ihre politische Aktivitäten weiter. Wenigstens eine Weile fand letzteres ihr Auslass im Rahmen des schlicht obskuren ' Internationalen Ordens für Ethik und Cultur ' (ab 1909: 'Kultur'), eine freimaurer-ähnliche Organisation zur Verbreitung freidenkerische, d.h. vor allem auf naturwissenschaftlichen Erkenntnisse aufbauende Prinzipien. Sich dazu verpflichtend die Gedanken, etwa, der Deutschen- bzw . der Schweizerischen Gesellschaft für ethische Kultur , der Monistenbund oder ähnliche Moralistenclubs ‘ auch zum Gefühl des Volkes und nicht nur zu seinem Verstand [zu] bringen', wurde Frau Woker 1908 Vorsteherin diesen Ordens.(8)

Über die Relevanz des auf Hinweisen des welschschweizer Weltschulmeisters , Ameisen- und Gehirnforscher, Sozialist und Eugeniker Auguste Forel(9) gegründeten Ordens, brauchen wir uns keine Illusionen zu machen. Wie viele Berühmtheiten er und seine MitarbeiterInnen auch baten, dem Orden beizutreten und welche es auch immer waren die gerne ihren papierenes Engagement zeigten, faktisch blieb dieser Orden ein gesellschaftlich marginales, ausschliesslich breisgauer und deutschschweizer Geschehen. Historisch interessant ist das Gruppchen als Erscheinung, als ein für das letzte fin-de-siècle typischer Zusammenschuss von Menschen auf Basis einer genauso typische Weltanschauung.(10) Aufgefasst, aber, als ein Knotenpunkt von Ideen und Tendenzen, von Menschen und Ideologien wäre ein solcher Haufen trotzdem zu betrachten als ein ideenhistorisch-, in diesem bestimmten Fall auch als pädagogisch relevantes Objekt. Denn weshalb reiste Ellen Key 1910 zweimal in die Schweiz, um sich von Forel persönlich über den Orden informieren zu lassen?(11) Welche Bedeutung hatte das Weltbild Forels für sonstige Reformpädagogen, wie etwa Paul Geheeb, Ludwig Gurlitt oder die Holländer Van Rees und Van Mierop, Leute die sich, wie auch Key, in dem Orden einweihen liessen?(12) War es tatsächlich das Zusammendenken von elitärem Sozialismus, Feminismus und Biologismus, das Sexualreformerinnen wie Margarethe Faas, Helene Stöcker oder Nelly Roussel, freilich auch Mitglieder des Ordens, so angezogen hat?(13) Haben namenhafte Wissenschaftler wie Sigmund Freud, Ernst Mach, Cesare Lombroso und Havelock Ellis, die zumindest in den Orden interessiert waren, alle auch das stringente eugenische Programm dessen unterschrieben?(14) Und Bruder Lunatscharsky und Bruder Masaryk schliesslich, später erster Erziehungs-minister der UdSSR bzw. Präsident der Tschechoslowakei, haben die solche Programme im eigenen Land vielleicht auch in die Praxis umzusetzen versucht? Alle diese Fragen zu beantworden wurde den Rahmen dieses Vortrages sprengen. Sie bloss aufzuwerfen reicht aber aus um die Problemlage dessen zu pointieren - die historische Verknüpfung, nämlich, reformpädagogischer und eugenischer Positionen, das freie Wachsen und die strenge Zucht des Menschen, quasi harmonisiert und legitimiert, nicht zuletzt auch im progressiven Lager, durch pseudo-wissenschaftliche Weltanschauungen.

III.

Infolge Auguste Comtes sog. Gesetz der wissenschaftlichen Entwicklun g sollte diejenige Wissenschaft, als deren Urvater er gilt, nämlich die Soziologie, sich zwar zeitlich und paradigmatisch nach, nicht aber aus der Biologie heraus entwickeln. Durch die Erfolge aber, die die Biologen im Namen Comtes im 19. Jh. auf ihre Konten buchten, waren sie aber allzu schnell imstande, klare Antworten zu geben auf Fragen, die die Soziologen noch kaum Aufwerfen konnten. Dass die Soziologen bald den Biologen in ihren Überlegungen folgten(15) und Comte damit durch Comte falsifiziert wurde ist natürliche ein Witz, eine der grausamste Witze sogar, aus der Geschichte der modernen Wissenschaft.

Wenn Charles Darwin in 1859 die Menschen vorerst bewusst nicht miteinbezog in seine bis jetzt gültige Variante der Evolutionstheorie, so waren rasch anderen da, um diese Lücke aufzufüllen und ihre Ansichten auf andere als die Biowissenschaften zu übertragen. Zum Teil wurden dabei ältere Evolutionsvorstellungen miteinbezogen, im allgemeinen aber wurden die Hypothesen Darwins in Dogmata umgestaltet und schlicht bis ins Blaue hinein zur Geltung gedacht.(16) In den Hände mehr oder weniger bekannter Adepten verkam Darwins spezielle, deskriptive Theorie der Entwicklung der Tierarten zu einer allumfassende und stark normative Theorie der Entwicklung überhaupt, damit mensch die Überlegenheit der rosaroten Mensch über alle andere Lebewesen definitiv belegt zu haben meinte.(17) Mit solchen ‘Darwinismen' konnten sich die gebildeten Schichten in der 2. hälfte des 19. Jhts. säkulare und wissenschaftlich ‘gesicherte' Theorien zur Erklärung und Bestätigung ihrer liberal-bürgerlichen Welt beschaffen.(18) Genau diese Welt aber war in Umbruch, und auch die Einstellungen dazu veränderten sich rasch. Überdies hatten die Grenzen des wissenschaftlich Möglichen sich eigentlich schon abgezeichnet und drohte der Positivismus als Wissenschaftsverständnis und -Verfahren von innen aus heraus seine integrative Kraft zu verlieren.

Über die Darwinismen wäre dieses bürgerliche-liberale Weltbild bestimmt noch eine Weile aufrecht zu erhalten, sei es, so der These, dass in diesen allumfassenden Erklärungs- bzw. Rettungsversuchen Gott oder irgendeine andere dynamische Kraft andererseites -d.h. konträr zur liberal-aufgeklärten Selbsverständis- als deus ex machina herbeigeführt werden müsste.(19)

Für den Zoologen Ernst Haeckel (1837-1919), z.Z. einer der bekanntesten und weitaus einflüssreichsten Vertretern eines Darwinismus, war dieses dynamische Alpha und Omega einfach Natur . In seiner sog. psycho-monistischen Weltauffassung gab es ausschliesslich Entwicklung , Evolution von Materie in und durch ein kohärentes und damit letztendlich Erkennbares Weltall, das Natur hiess aber manchmal auch Gott genannt wurde.(20) Dass alles Lebendige darin schliesslich aus den Seele von Kristallen evolutioniert sei, ein solches Postulat konnte oder wollte mensch einem führenden Naturforscher im Europäischen Raum nicht übel nehmen, hatte er doch als erster die Einsichten Darwins auf den Mensch übertragen und in ein überzeugendes Entwicklungsgeset z eingebunden. Haeckels These, dass die Entwicklung des Individuums die Entwicklung der Menschlichen Gattung schlechthin stets wiederholt, diese berühmt-berüchtigte Gleichsetzung von Ontogenese und Phylogenese wurde Gemeingut im Denken, in der Sprache des ausgehenden 19. und anfangenden 20. Jahrhunderts, und blieb das bis in den 20. jahren.(21) Die meisten der TheoretikerInnen der sog. reformpädagogischen Welle des fin de siecles haben dieses Theorem gekannt, akzeptiert, und in ihre Überlegungen darauf Rücksicht genommen. Nebst in Theorien allerart über gestufte, kindgemässe Lernvorgänge im erzieherischen Bereich hat Haeckels Entwicklungslehre sich zB. auch durchgesetzt im Geschichts- und Religionsunterricht, das weltweit gemäss sogenannten Kulturstufenplänen organisiert wurde. In der heutigen Zeit kennen wir solches noch aus den Waldorffschulen.(22) Ungleich Steiner, ein begeisterter Anhänger der haeckelschen Weltanschauung, gründete der Ernst selber ja keine Schulen. 1906 wurde von anderen aber eine Haeckelsche Bewegung in die Welt gesetzt, der Monismus, ‘ zur Verbreitun' ' so hiess es ‘ einer einheitlichen Weltauffassung '. Die von der Monisten geförderten Einheit war nicht nur die theoretische Einheit von Stoff und Geist, es sollte auch die lebendige Einheit von Erkenntnis und Wollen, die Synthese von Theorie und von Praxis sein.(23) Schon 1876 hätte man bei Haeckel laber esen können, wie eine monistische Praxis ungefähr aussehen könnte, und schliesslich auch ausgesehen hat:

Durch die unterschiedslose Vernichtung aller unverbesserlichen Kriminellen würde nicht nur der Kampf uns Dasein unter den besseren Teilen der Menschheit leichter gemacht werden, sondern es würde auch ein vorteilhafter künstlicher Ausleseprozess in die Praxis umgesetzt werden, da die Möglichkeit, die schädlichen Qualitäten weiterzugeben, diesen entarteten Aussenseitern genommen wird. (24)

Mit dieser Aussage machte Antipapst Ernst sich zwar zu einem der ersten Befürwortern der Eugenik, die aktive Unterstützung, quasi, des ‘natürlichen' Ausleseprozesses, er war bestimmt nicht der einzige, oder eben der radikalste. Die 1883 von Francis Galton gegründtete Eugenic Society -der schliesslich auch von Galtons Neffe Charles Darwin Vorschub geleistet worden war- konnte auch ohne Haeckel und dessen Monisten weltweit florieren.(25) Vor allem nachdem der Lamarckismus, der Glaube an die Vererbung erworbener Fähigkeiten, 1894 von August Weissmann endgültig falsifiert wurde,(26) die Kluft zwischen Kultur und Körper nach Darwin also noch einmal verschmälert wurde, konnten eugenische oder rassenhygienische Gedanken auf einen breiten Unterstützung in Gebildeten Kreisen Europas und Amerikas rechnen. Denn wenn es wirklich so war, wie die Wissenschaftler im Namen Darwins 'entdeckt' hatten, dass Schwachsinn, Kriminalität, Alkoholismus, Prostitution, Onanie und sonstige moralische Defekte ‘nur' vererbaren Krankheiten waren, dann war Sterilisation oder auch Euthanasie einzelner Entarteter letzten Endes mehr als gerechtfertigt, ein Beitrag, nämlich, zur Höherentwicklung der Gesellschaft und der Menschlichen Gattung schlechthin.

Haeckel, nochmals, ist für dies alles nicht hauptlich Verantwortlich zu machen. Auch ohne ihn hätte es eine biologisch ‘gesicherte' Soziologie gegeben, die die Normen und Werte ihrer Kunden, ihre Ängste und Wünsche internalisiert und auf andere projiziert, schliesslich in grauenhafte Wahrheiten dogmatisiert hat. Für eine Gesellschaft der angeblich ‘entarteten' brauchte mensch damals einfach eine Wissenschaft der Entartung, die Wissen produzieren könnte für eine prophylaktische Praxis. Was dem konservativen bis erzreaktionären Ernst Haeckel in diesem Komplex von Wissenschaft und sozialen Bewegungen aber seine eigenartigen Stellenwert verleiht, ist der direkte und ungemein grosse Einfluss, den er in eher progressiven, ja, in sogenannt 'linken' Kreisen ausgeübt hat. Rassenhygienische bzw. eugenische Gedanken konnten also auch dort verbreitet werden, wo wir sie rein intiutiv nicht erwartet hatten, in Sozialistischen und Feministischen, ja auch in progressiv-reformpädagogischen Kreisen.

IV.

Am 5. januar 1910 fragte Alfred Knapp, Apotheker zu Bern und Sekretär des Internationalen Ordens für Ethik und Kultur Bruder Forel, ob es kein Idee wäre, die sog. Ferrer-Bewegung in den Orden zu integrieren, und dafür in Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz Werbung zu machen.(27) Forel, der ja grundsätzlich alles unterstützte, was international war oder sein möchte, stimmte zu, sei es, dass der IOEK und der Ferrer-Bewegung formal getrennt bleiben sollten. In den Juli-Ausgabe des deutschschweizer Freidenkers treffen wir darum eine Anzeige an, in deren Alfred Knapp die LeserInnen dieses Blattes aufruft, Mitglied zu werden in der ' Internationalen Liga für die Rationelle Erziehung der Jugend [] ein selbständiger, vom Orden für Ethik und Kultur getrennter Verein .'(28) Dieser deutschsprachiger Zweig sollte, so Knapp, nicht nur den Freimaurern gegenüber, sondern auch gegenüber dem Internationalen Ferrer-Verein ihre Autonomie bewahren müssen. Die Ziele, die die rationalistischen Erzieher deutscher Zunge nachzustreben pflegten waren trotzdem etwa die gleiche, wie die ihrer Genossen in Paris, New York, Amsterdam, etc. Aber nur etwa:

Durch eine zielbewusste Propaganda unter den breiten Massen soll im Volk selbst das interesse für das Schulproblem und die gesamten pädagogischen Fragen geweckt und dabei jeder Verquikung mit politischer Agitation vermieden werden. [] Eine wissenschaftliche, vernunftgemässe Grundlage der Jugenderziehung wird gefordert, ferner moralische Erziehung, beruhend auf dem Grundsatz gegenseitiger Verantwortlichkeit. (29)

Die Geschichsschreibung der Ferrer-Bewegung, wie die bis jetzt vorliegt, ist fast ausnahmslos eine politische und daher wenig distanzierte Historiographie.(30) Denn Francisco Ferrer y Guardias 1902 in Barcelona gegründete Escuela Moderna war in erster Linie ein explizit antiklerikales, ein weltliches, stark auf natur-wissenschaftliche Erkenntnisse orientiertes Volksschulexperiment, das in zweiter Linie, aber nicht weniger explizit, einen substantiellen Beitrag an den revolutionären Kampf zur Befreiung der proletarischen Massen liefern möchte. Erst in dritter Instanz war Ferrers Schule reformpädagogisch, d.h. theoretisch der vollständigen Entwicklung des einzelnen Kindes zugetan, gleichfalls rhetorisch mit Grössen wie Arbeit und Natur streuend und dabei methodisch-didaktisch halbwegs innovativ hervorgehend.(31)

Was aber auch immer Ferrers persönlichen Engagement gewesen sein mag, es geht nicht an dies auf die ab 1908 wachsende Ferrer-Bewegung als ganzes zu übertragen. Schauen wir uns die Namen der Leute an, die im Vorstand seines Vereins sassen, die Beiträge die im Vereinsblatt l'Ecole Rénovée erschienen, dann ist hinter dem pädagogischen Konsens die metatheoretische Meinungsvielfalt, ich wäre geneigt zu sagen, der Synkretismus innerhalb der Ferrer-Bewegung mehr als auffällig. Denn nebst Ferrer, der den von der Kirchen befreiten, den ‘positiven' Unterricht feierte, war auch Domela Nieuwenhuis da, der holländischen Pfarrer der Anarchist und selbsternannter Jesus wurde, um die Entfeselung des individuums in Namen Goethes, Rousseaus und schliesslich auch Ellen Keys zu fördern.(32) Selbstverständlich war Ernst Haeckel im Verein engagiert, sei es nur auf Papier, gleich aber wie der russischen Anarchist Kropotkin, Verfasser einer biologischen Theorie gegen den darwinistischen Biologismus.(33) Anarchisten, Freiheitskämpfer, Schulkritiker, wie etwa der schweizer Antipädagoge Henri Roorda van Eysinga, (34) fanden sich innerhalb der Ferrer-Bewegung zurecht neben Positivisten und Darwinisten dogmatischer Art, wie Guiseppe Sergi, der Lehrer Montessoris,(35) oder Versuchten beide Ansätze, wie Paul Robin und Ferrer selber, über eugenische Annahmen gedankenlich zu kombinieren.(36)

Die Verhaftung und folgliche Hinrichtung Ferrers im Spätsommer 1909 löste einen weltweiten Protestwellen aus, gleichsam von Revolutionären und Sozialdemokraten, wie auch von progressiven Liberalen getragen. Im Zog dieser Welle wurden weltweit Ferrer-Schulen gegründet, revolutionaire Sonntagsschulen, wie zB. in Amsterdam und in Zürich(37), oder gleichfalls politisch orientierte Reformschulen umfassender Art, wie etwa die berühmten Ferrer-Schulen von Lausanne und New York.(38) Hauptsächlich reformpädagogisch motivierte und eigentlich nur halbwegs progressive BürgerInnen setzten ihren Ideale aber, wie zB. in Antwerp, auch unter den Fahnen Ferrers in der Praxis um.(39) Wenn also überhaupt etwas Einheitliches zu entdecken wäre an den weltweit etwa 70 Ferrer-schulen, dan wäre dass nicht sosehr, wie oft behauptet, der politische Hintergrund dieser Versuche, sondern vor allem ihre weltliche, naturwissenschaftliche, ja, ihre darwinistisch-medizinische bzw. eugenische Ausrichtung. Letzten Endes wurden auch die Ferrer-Schulen die sich am meisten der Revolution verpflichtet fühlten, wie etwa der in Lausanne, von Medizinern in die Welt gesetzt.(40)

Psychiater Forel und Apotheker Knapp grenzten sich, wie wir soeben gehört haben, gleichsam explizit vom Politischen in der Ferrer-Bewegung ab. In der moderne Schulbewegung war für die beide schweizer Reformer das Positive, das Naturwissenschaftliche deutlich vordergründlich. Und wenn auch die Moralerziehung von Knapp mit Namen genannt wurde, die Erziehung zur Gegenseitigkeit, so müssen wir uns realisieren dass der Altruismus, der soziale Geist zu dem erzogen werden sollte bei ihm wie bei Forel und bei vielen ihrer Zeitgenossen direkt aus der Biologie heraus abgeleitet werden könnte.(41) Wie schon postuliert, hatte mensch dazu über Geist oder ähnliches eine Art Dynamik hineinzutragen, eine Grösse die gleichermassen eine Teleologie des Natürlichen und die Überlegenheit des Mensen in diesem Geschehen belegen sollte. Syndikalist Ferrer hatte es sich diesbezüglich einfach machen können: Dynamik, das war ja der Fortschritt, oder die Revolution schlechthin. Für schweizer Pazifisten gab es aber diese Option nicht. Alfred Knapp, der im Rahmen des Ordens so gerne über Kinderschutz und Vasektomie referierte, sah die Notwendigkeit einer kindgerechten Erziehung ein, hielt auch eine materialistische Grundlage im Sinne Ferrers für richtig, musste Revolution letztendlich aber durch Kunst und Das Mysterium ersetzen.

Der allzu rationalistische Zug des Ganzen, den man auch richtig erkannt hat, wird im laufe der Zeiten und mit zunehmender Erfahrung, besonders aber auch durch allfällige rege Beteiligung der Künstlerwelt von selbst schwinden. Aus der inniger Verschmelzung klarer Verstandeserkenntnis mit den tief in der Menschenseelen begründeten Neigungen zum Mystischen [] wird ein Mensch herauswachsen, für den wir vielleicht noch nicht einmal ein bezeichnendes Wort gefunden haben.

V.

Zwischen der schweizer Psychiater Forel, der 1893 als erste in der Welt dazu überging, ein ‘moralisch defektes' Mädchen zu sterilisieren,(42) und den Deutschen Pflegerinnen, die ab 1934 geistig oder körperlich behinderte Kinder eine tödliche Injektion zudienten, gibt es zwar eine zeitliche und vielleicht noch eine qualitative, kaum aber ein wesentliches Unterschied. Hitlers Endlösung war, so Zygmunt Baumann, kein ‘einzigartiger Unfall' oder eine ‘Entgleisung der Vernunft', sondern gerade auch ein Auswuchs des aufgeklärten Denkens, der allergrausamste, aber an und für sich konsequente Versuch, das Projekt der Moderne zu Vollenden. Spielte Aufklärung an auf Hellsichtigkeit, auf Transparenz, so konnte der Erfolg des aufklärerischen Vorhabens nur abgelesen werden an dem Mass, indem die Gegenstände der Welt seitens der Wissenschaft beobeachtet und vermessen, d.h. kategorisiert, eindeutig benannt werden könnten. Was aber nicht eindeutig war, was zweideutig, was ambivalent war, alles was sich zwischen 0 und 1 bewegte, müsste folglich rationalisiert, wegdefiniert, beseitigt werden. Wurde die alte Metapher der Pädagoge als Gärtner, der das positive im Kinde wachsen lässt, das Unkraut aber vertilgt, wurde diese Metapher faktisch auf die positiven Wissenschaften und schliesslich auch auf den modernen Staat übertragen, die im Modernen ja beide positiv in der Gesellschaft einzugreifen hätten, so brauchte es ja nur einen Hitler um das Zweideutige, das Fremde in unserer Mitte, um die Schwachsinnigen, die Behinderten, die Juden tatsächlich zu vertilgen.(43)

Obschon die Eugenik bei Baumann als argumentatives Beispiel eine nicht geringe Bedeutung hat, so fehlt in seiner erschütternde wie auch überzeugende Analyse der modernen Machbarkeitsdeologie eine Aufarbeitung deren spezifischen Hintergründe. Dass die SozialistInnen sich, so Baumann, wohl gerne als die ‘bessere Aufklärer' verstanden haben, ihr Heilsversprechen in säkularer Fassung sich daher einfach mit sozialtechnologische Phantasien, mit Eugenik eben verknüpfen liessen, dass wussten wir ja schon. Ungeklärt bleibt damit aber immer noch, auf welche Art genau sie, und diejenigen, die sich im engeren Sinne um die Entfesselung der Frau , oder um die Befreiung des Kindes gekümmert haben, gleichsam die Notwendigkeit des Natürlichen akzeptiert und die Steuerung des Kulturellen gefordert haben könnten, sie dabei die Interdependenz von diesen beiden Bereichen zwar anerkannt, zugleich aber auch überwunden zu haben meinten.

Die zitierte Aussage von Alfred Knapp bezüglich dem mystisch-künstlerischen Gehalt der forelschen Ferrer-Schule gibt zumindest einige Hinweise darauf, wie solches im Diskurs der radikalen Reformpädagogik der Jahrhundertwende, bei ihm gleich wie bei Ellen Key, ihren Platz haben könnte.

Mit einen stark von Wissenschaftsglauben, oder, genauer gesagt, von dem Forelschen bzw. Spencerschen Lamarckismus geprägten Weltbild als Voraussetzung ist Reformpädagogik als quasi die Technik des freien, natürlichen Wachsen eine absolute Notwendigkeit. Gleichsam ist der durch die richtige Erziehung freigesetzte Mensch für Knapp und Key eine Voraussetzung, wiederum, für das Hervortreten eines höheren Typus von Menschen. Dass es diesen 'höheren', oder auch neuen Menschen geben wird, kann ja 'einfach' geschlossen werden aus der 'Natur der Dinge', als Extrapolation aus der Evolution des Menschen bis auf jetzt. Will Friedrich Nietzsche nachträglich aber wirklich gewürdigt werden, so müssen diejenigen, die nicht zum freien Wachstum imstande sind, dessen Erziehbarkeit vom Natur aus Grenzen gesetzt worden sind, so müssen die einfach nicht weiter wachsen. Erst wenn der Kummer um die niederen Menschen ein Ende genommen hat, und schliesslich jedes Kind freilich wachsen kann, erst dann wird der Mensch als höherer Mensch die Evolution vollenden können. Antizipieren können Mensch und Gesellschaft darauf nur über Kindheit, das heisst, über das Höherwerdende (oder Höherbleibenkönnende ), unter implizitem oder explizitem Einbezug des Höherseienden, des Übergeordneten - also über Gott, Liebe oder Kunst. Nur über diesen Grössen ist Kultur, ist die Befreiung aus den körperlichen Fesseln möglich - wenn überhaupt. Und wenn nicht, so konnte und kann in und für eine heile Welt die Liebe zum Menschen anscheinend auch die Vernichtung von Menschen bedeuten.

VI.

Gertrud Woker -wir haben sie nicht vergessen- auch Gertrud Woker hat die Liebe zur Menschheit gepflegt. Grundsätzlich. Und dies teilsweise aufgrund derselben Überlegungen wie die Keys und die Knapps und die andere SoziobiologInnen avant-la-lettre . Gleichsam hat sie es auch anders gemacht, weder schlechter noch besser, aber einfach anders.

Die Rassenhygieniker ', so Frau Dr. Woker am 28. September 1911 in ein Vortag für die Generallversammlung des Verbandes Fortschrittlicher Frauen , die Rassenhygieniker haben schon starke Argumente. Alles was bis vor kurzem gegen die Erwerbsarbeit von Frauen hervorgehoben war, war lediglich sexistischer Blödsinn gewesen, reine Pornokratie .(44) Dass ausserhäusliche Arbeit des Weibes aber auf Dauer eine rassenschädigende Wirkung haben sollte, mit dieser Einwand hatte Frau sich doch seriös auseinanderzusetzen. Denn klar dass Frau ihr Kind nicht stillen kann, wenn sie tagsüber in Fabriken arbeitet, klar auch dass sie ihr Körper durch Erwerbsarbeit oft überbelastet, und somit die physische Beschaffung ihres Nachwuches gefährdet, Dass Erwerbarbeit der Frau unter dem herrschenden Verhältnissen rassenschädigend war, stand ausser Frage, aber konnte Frau 1911 etwas dafür?

Biochemikerin Woker kannte alle sozial-politischen Argumente rassenbiologischer Herkunft und war von ihre Gültigkeit auch mehr oder weniger überzeugt. Daraus zog sie aber nicht die Konsequenz dass Frau sich aufgrund solcher Überlegungen so und so und nicht so zu verhalten hätte, was ja durchaus üblich war. Stattdessen listete sie alle möglichen und unmöglichen Förderungen der Frauenbewegung bezüglich sozialökonomischer Verhältnisse, Gezetzgebung und Fürsorge auf, und präsentierte sie als Preambula für eine gemässigte, individualisierte Reproduktionspolitik. Die Emanzipation der Frauen überhaupt, und die Gewährleisting von Stillprämien, Kinderkrippen, Mutterschaftsversicherungen, von hygienischen Wohnungen und eine gute Erziehung, alles das würde doch die genetische Ängste grossenteils überflussig machen?

Wie etwa bei Ellen Key trat auch bei Frau Woker Die Liebe , die wahre, freie Liebe hervor als dea ex machina , als die übergeordnete Kategorie, die ihre Argumentationlinie quasi absichern sollte:

'Die Verwahrlosung oder Entrechtung des Liebesgefühls [aber] zeitigt Dekadenz und Entartung, und der degenerierte Mensch seinerseits verliert die Fähigkeit zur sexuellen Wahl. An diesem circulus vitiosus krankt das Menschengeschlecht. [...] einem Bund ohne tiefinnerste Zusammengehörigkeit kann nichts so Lebensfreudiges und Lebenskräftiges entspringen, wie einer Verbindung aus freier, durch keine Nebenrücksichten bestimmten Wahl.' (45)

In Anlehnung, wiederum, an Ellen Key ist dieses Plädoyer für eine reine Liebe und eine wahrhafte Ehe schlicht einen Schritt zu einer höheren Stufe, dessen Postulat weniger überraschend als wohl aussagekräftig ist:

Das schöpferische im Weibe, wie im Mann bedarf der Freiheit, der Würde, der Selbstbehauptung, wenn es das vergängliche Selbst über dessen Grenzen hinaus tragen soll in alle Ewigkeit.(46)

Was wir schon vorher haben feststellen koennen passiert auch hier: Angeblich wissenschaftliche Argumente werden in einem nicht-wissenschaftlichen, einem wesentlich politisch-moralische Zusammenhang aufgegriffen, teilsweise inkorporiert oder zu Nutze gemacht, teilsweise auch, mithilfe Gott, Liebe und Kunst, überwunden oder unschädlich gemacht. Der kleine, aber nicht unwesentliche Unterschied zwischen Key und Woker liegt nur darin, dass Woker ‘Frau' schon auch manchmal als Ehefrau und als Mutter, nicht aber notwendigerweise als Frau an und für sich, als essentialistische Kategorie definierte. Diese Schwelle zu überqueren, wie Key das gemacht hatte und was bestimmt auch nahelag, hätte Frau Woker die Berechtigung ihrer Existenz, ihr Job, hätte ihr, wie in essentio Key, jede Auffassung des Menschen als freien, sich selbst behauptenden, sich emanzipierenden Mensch abhanden genommen.

Alderik Visser

Bern, 19 April 1996.

 

Noten

1) . Woker, G., Aus Meinem leben. Kinderjahre . in: Kern, E. [HrsG], Führende Frauen Europas in sechzehn Selbstschilderungen . München, 1928. S. 138.

2) . Ebenda ., Ss. 140-1.

3) . ebenda, Ss. 140-9.; KONTEXT: Gertrud Woker - eine totgeschwiegene Berner Naturwissenschaftlerin . Schweizer Radio DRS, 7.12.1994. Woker, 1917 Mitinitiantin des Haager Friedenskongresses und führendes Mitglied der World Womens League for Peace and Freedom erlang 1925 (linke) Weltbekanntheit mit das antimilitaristische Traktat: Der Kommende Giftgaskrieg. Nebst für den Frieden und das Frauenwahlrecht setzte sie sich lebenslänglich fur Abstinenz und gegen Vivisektion, wie auch -recht früh- gegen Umwelverschmutzung ein.

4) . ebenda, S. 150.

5). ebenda, S. 151.

6). Dazu o.a. Gerhard, U., Unverhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung. Reinbek bei Hamburg , 1995 [org. 1990]., v.a. Ss. 216-64.

7). Ihr wuerde eine Professur in Biochemie versprochen, damit sie ueberhaupt die erste Professorin im deutschsprachigen Raum geworden waere...

8). Aufruf! ( vertraulich .) [typoskript + druck.] Knapp. A an Brupbacher, F. (?1908). Archiv Brupbacher im Internationalen Institut für Sozi algeschichte (IISG), Amsterdam. Die Deutsche Gesellschaft für Ethische Kultur (DGEK) war 1892 von Georg von Gizycki und Wilhelm Foerster im Nachfolge der USamerikanischen Ethical Society (1876) gegründet worden, zur Verbreitung einer säkularen Moral(erziehung). Forel war 1899 Gründer dessen welschschweizer Pendant, [la] Ligue pour l' Action Morale, section de la Suisse Romande . Für den Monisten, siehe weiter, S. 4.

9). (1848-1932) Weltberühmt als Ameisenforscher, Psychiater und Hypnotiseur, zog der Welschschweizer sich 1908 zurück, um sein weiteres Leben dem Kampf gegen den Alkoholkonsum zu widmen. Anarchist und Sexualreformer Brupbacher, ein ehemaliger Schüler: ‘ Es steckte gar vieles in ihm. Vor allem ein gar strenger Moralist. Ein Weltschulmeister. Er wollte der Menschheit gesunde, produktive und altruistische Hirne schaffen. Deshalb bekämpfte er mit einer solchen Vehemenz den Alkohol und die Geschlechtskrankheiten. Deshalb führte er den Kampf gegen Wirts- und Hurenhäuser. Das Hirn war seine Liebe .' Brupbacher, F., 60 Jahre Ketze r, Zürich, 1935.

10). Obschon der Orden ein wohl sehr eigenartiges Spezies dessen betrachtet werden kann: freimaurerisch (oder besser: co-maurerisch, für Frauen und Männer) inklusive Einweihungsriten und sonstige Parafernalia; Radikal anti-klerikal, offensichtlich aber als Ersatz-Kirche funktionierend (Sonntagsversammlungen, Hochzeits- und Beerdigungsreden, usw.); Explizit sozialreformerisch, d.h. (utopisch-)sozialistisch und rassenhygienisch, abstinent, antimilitaristisch und esperantistisch.v.a.: Forel A., Kulturceladoj de la nuntempo/Kulturbestrebungen der Gegenwart . 1911.

11). [] Je suis très interessé de parler avec vous du IOEC, qui pour moi est encore une nebulose !?! Toutes a vous , Key, E. an Forel, A., 23.01.1909. Archives Auguste Forel, Lausanne.

12). Zum Fest unseres geliebten Meisters , (Forel) 1 sept. 1848-1 sept. 1918 (' Du gabst die TAT! '), Unterschriften und stellvertretende Grüssen, ebenda; Zu der gleichen Gelegenheit geben auch die Mitglieder des Schweizerischen Monistenbundes, Ortsgruppe Bern Forel ihren glückwünschen. z.T. sind dies die gleiche Leute: Otto Volkart, Theodor Tobler(der Fabrikant), die damen Faas und Woker, etc. Zu den genannten holländischen Schulreformer (tolstoyanischer bzw. theosophischer Prägung) siehe Visser, A., Zedelikheid en Zelfwerkzaamheid. (Christen-) anarchisten, Theosofen en de ^beweging' voor Humanitair Onderwijs . 1903-1931. Utrecht, 1994.

13). Aufruf! [1]. Bernerin Margarethe Faas(-Hardegger) war 1905-1909 die erste Frau innerhalb der SGB. Wegen ihrem neumalthusianischen Engagement und sonstigen Extremismen wurde sie gezwungen auszutreten. Ab 1909 begab sie sich v.a. in (religiös-anarchistische) Kreisen um Gustav Landauer. Studer, M., l'Organisation syndicale et les femmes: l'action de margarethe Faas-Hardegger a l'union syndicale Suisse <1905-1909> Geneve, 1975; 'die beste Sensation ist das Ewige...' Gustav Landauer - Leben, Werk und Wirkung , Düsseldorf, 1995. S. 187-203; Für Stöcker, siehe u.a. Gerhard (1995), Ss. 265-75. und Dräbing, R., Der Traum vom "Jahrhundert des Kindes". Geistige Grundlagen, soziale Implikationen und Reformpädagogische Relevanz der Erziehungslehre Ellen Keys. , Ffm. etc., 1990. Ss. 168-202; Die französin Roussel war ebenfalls Neumalthusianerin. siehe: Teilnehmerliste des zweiten neumalthusianischen Kongress zu Haag (NL) (juli 1906) . Die Trägerschaft der IOEC war fast die gleiche, wie die der von Stöckers gegründeten (Deutsche) Bund für Mutterschutz und Sexualreform (1905-1933). zB Ellen Key war Mitglied beider Vereine.

14). Freilich gab Freud sein Namen nur in erster Instanz, zwecks Werbung. Einweihen liess er sich schliesslich nicht. Von Lombroso ist es unbekannt, Mach, Havelock Ellis und Haeckel waren bestimmt Mitglied.

15). o.a. Degler, C.N., In Search of Human Nature. The decline and revival of Darwinism in American Social Thought . New York, Oxford, 1991. Pp. 32-55. Hegeman, J.G., Darwin en onze Voorouders. Nederlandse reacties op de Evolutieleer, 1860-1875: een terreinverkenning . in: BMGN LXXV (1970) 3, pp. 261-314.

16). v.a. Engels, E.-M., Biologische Ideen von Evolution im 19. Jahrhundert und ihre Leitfunktionen . in: Engels, E.-M. [Hrsg], Die Rezeption von Evolutionstheorien im 19. Jahrhundert . Ffm., 1995. auch: Duvernay-Bolens, J., l'Homme Zoologique. Races et racisme chez les naturalistes de la première moitié du XIXe siècle . in: l'Homme. Revue française d'anthropologie 133, jan. 1995.

17). v.a. Bowler, P.J., Herbert Spencers Idee der Evolution und ihre Rezeption . und: Sandmann, J., Ernst Haeckels Entwicklungslehre als Teil seiner biologistischen Weltanschauung . beide in: Engels (1995)

18). o.a Rooy, P. de, Op zoek naar Volmaaktheid. H.M. Bernelot-Moens en het Mysterie van Afkomst en Toekomst . Houten, 1991; zur sozialistischen Intelligentsia: Ders., Darwin en de Strijd langs Vaste Lijnen . Nijmegen, 1989. Für eine geniale Literarische Darstellung: Multatuli (Eduard Douwes Dekker), Woutertje Pieterse . Amsterdam, 1995 (orig. 1862-1874), Ss. 40-51.

19). Bezüglich 'Das Kind' als quasi-religiöse Hiflskonstruktion in diesem Zusammenhang sehr überzeugend dargelegt von Weisser, J., Das Heilige Kind. Über einige Beziehungen zwischen Religionskritik, materialistischer Wissenschaft und Reformpädagogik im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts . Würzburg, 1995.; Eine grobe wissenschafsgeschichtliche Darstellung die etwa das Gleiche belegt im Biographie des berühmt-berügtigten holländischen Neuhegelianer H.G.J.P. Bolland, Otterspeer, W., Bolland. Een Biografie . Amsterdam, 1996.

20). Sandmann, J. in: Engels, E.-M (Hrsg.), 1995; Eine sehr präzise Darstellung auch, des Haeckelschen Monismus als eine Art von Pantheismus in: Frick, K.R.H. Die Erleuchteten. Gnostisch-theosophische und alchemistisch-rosenkreuzerische Geheimgesellschaften bis zum Ende des 18. Jh.- ein Beitrag zur Geist esgeschichte der Neuzeit . Graz, 1973 Ss. 112-133.

21). Was in verschiedensten Geschichtsschreibungen der Pädagogik belegt worden ist. Zu Haeckel überdies o.a. Gould, S.J., Der falsch vermessene Mensch . 1991 (1988) Ss. 118-122.

22). o.a. Ullrich, H., Waldorfpädagogik und okkulte Weltanschauung. Einde bildungsphilosophisceh und geistesgeschichtliche Auseinandersetsung mit de Anthropologie Rudolf Steiners. Weinheim/München, 1986, Ss 134-40.

23). Gasman, D., The Scientific Origins of National Socialism. Ernst Haeckel and the German Monist League . London, 1971.

24). zitiert ebenda S. 98.

25). o.a Degler (1991).

26). Es wurde aber noch lange damit gearbeitet, v.a. auch weil es im Denken Herbert Spencers verankert war. Forel und Key gehen beide noch von der gültigkeit der Lamarckismus aus.

27). Knapp an Forel, 05.01.1910. Archives Auguste Forel, Lausanne.

28). in: Freidenker. Organ der Freidenker der deutschen Schweiz . III. 7 (1 juli 1910).

29). So sehr dieser Grundsatz an den gleichen Schwächen leidet wie Kants berühmte Forderung: "Handle so, dass du jederzeit wollen kannst, die Maxime dieses handelns solle zum allgemeinen Gesetz der Menschheit werden", so sehr ist es erfreulich, dass in der Praxis des Moralunterrichtes das Prinzip der Selbstverantwortlichkeit zugrunde gelegt wird . ebenda. Knapp ist aus der Uebersetzer: J.J. Kaspar, Die Affaire Ferrer. Der Justizmord auf Grund der von der spanischen Regierung veroeffentlichten Akten dargestellt. Vorwort von G. Séailles und einem Vorwort zur deutschen Uebersetzung.. Uebersetzt. von A. Knapp. Frankfurt a/M 1910. Aus: Collection de la Grande Revue , Separatdruck La Grande Revue , XIII, 23, pp. 537-571.

30). zB. Baumann, H., U. Klemm, Wider die Staatspädagogik. Die 'Escuela Moderna' von Francisco Ferrer . in: Klemm, U. (Hrsg.) Anarchismus und Pädagogik. Studien zur Rekonstruktion einer vergessenen Tradition . Ffm. 1991.

31). Visser, A. (1994).

32). l'École Rénovée. Revue d'élaboration d'un plan d'éducation moderne. Extension Internationale de l'école moderne de Barcelone . I, 1, Bruxelles, 1908. Ferdinand Domela Nieuwenhuis (1846-1919), charismatische Führer der holländischen Arbeiterbewegung, begann sich spätlebens Gedanken zu machen über 'libertaire Erziehung'. Mit der Vorlesung über 'l'Education libertaire' (Paris, 1899) wurde er zu eine Autorität in diesem Bereich, obschon (oder vielleicht weil) er nicht nur Goethe, Rousseau und Ellen Key, auch aber Ernst Haeckel adorierte. Visser, A. (1994).

33). Gustav Landauer beklagte sich darüber, dass sie ihm gefragt hatten, im Verein Deutschland in zu vertreten, sich aber schliesslich für der betagte und daher indolente Haeckel entschieden haben. in: Der Sozialist. Herausgegeben von revolutionären Kreisen der Schweiz. Organ des Sozialistischen Bundes. II. 11 (Bern, november 1909). Prinz Pjotr Alexejvic Kropotkin war schon ein führender russischer Naturforscher, bevor er anarchist wurde. Was er zwischen 1862 und 1867 als Ansatz zu einer wissenschaftlichen Theorie entwickelte, war 1890, als er es zu publizieren anfing, zugleich eine politische Theorie geworden. Kropotkin, P., Mutual Aid, A Factor of Evolution . Montreal, 1994 (1890-1896; 1902). Dazu:Todes, D.P., Darwins malthusische Metapher und russische Evolutionsvorstellungen . in: Engels, E.-M. (1995).

34). (1870-1925) Sohn eines holländischen anarchisten in schweizerischem Exil, Mathematiklehrer zu Lausanne, Publizist, Literator, Schulkritiker. zT. noch sehr lesbare Werke: l'École et l'Apprentissage de la Docilité in: L'Humanité Nouvelle II, 2 + 3 (juli, september 1898); Le Pedagogue n'aime pas les Enfants . Lausanne, 1917 (Deutsche übers.: Der Lehrer hat kein Gefühl für das Kind , Zürich, 1920). Zu Roorda: Fidler, G., Henri Roorda van Eysinga and the pedagogy of éducation libertaire . in: Paedagogica Historica XII, 1 (1991).

35). Zu Sergi: Hofer, Ch., Maria Montessori's 'Antropologia Pedagogica"- oder: die Erziehung als hygiene der Menschheit . etc. Bern, 1994. Ss. 88-97.

36). Robin, Anarchist und Positivist alten Stils, war 1880-1894 Leiter des stark den Ideen Fouriers verpflichteten Waisenhaus zu Cempuis, Frankreich (wo die Kinder übrigens schon jede Woche vollständig vermessen würden). Nach der Schliessung der Anstalt wurde er Professor für Pädagogik zu Brüssel, führte die Propaganda für sein Konzept der 'Éducation Intégrale' zwar fort, wurde 1900 aber vor allem ein leidenschaftlicher Befürworter der Eugenik. Zu Robin: Grunder, H.-U., Theorie und Praxis anarchistischer Erziehung , Grosshochstetten, 1993 (Grafenau, 1988); Visser, A. (1994)

37). Zu Amsterdam siehe Visser, A. (1994); Zu Zürich fehlen Angaben. Hinweise dazu (und nicht zufälligerweise in einem Vortrag einer der führende Mitglieder der I.O.E.K.) in: Volkart, O., Sozialistische Jugenderziehung. Ein Vortrag . Olten, 1918.

38). [anonym] l'École Ferrer de Lausanne , Lausanne, 1919; Grunder, H.-U. (1993)

39). Visser, A. (1995)

40). Wie etwa Jean Wintsch, Gründer der Ferrer-Schule zu Lausanne, der Anarcho-Syndikalist aber auch Artzt war, Kinderarzt und -psychologe wurde, und Mitarbeiter des Instituts Jean-Jacques Rousseau zu Genf.

41). Bevor er Anhänger des Baha'i-Glaubens wurde (1923) , pflegte Forel eine Utopie, der sich stützte auf das soziale Leben seiner kleine Freunde, die Ameisen. Die ganze Moral die er verkündete ist zurückzuführen auf diesen idealisierten 'Ameisenstaat' (dessen Konzept übrigens auch in schweizer Kinder- und Schulbücher verbreitet worden ist. siehe u.a.: Aus Frischem Quell, Lehr- und Lesebuch für die obern Klassen der Primar- und Mittelschule . Bern, 1908).

42). Keller, Ch. Der Schädelvermesser. Otto Schlaginhaufen - Anthropologe ud Rassenhygieniker. Eine biographische Reportage . S. 89.

43). Baumann, Z., Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit . Ffm, 1995 (Engl. original 1991) v.a. Ss. 35-63.

44). Woker, G., Erwerbsarbeit der Frau und Rassenentwicklung . Berlin, 1911 (Verlag für Fortbildung) S. 7 Die Terminoligie betrifft das männliche Superioritätsdenken im allgemeinen, der politische Theorien Proudhons im spezifischen Sinne.

45). ebenda, S. 5; 9.

46). ebenda, S. 9